Auszüge
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Auszüge "Gemeines Spiel" [121 KB]
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Im Römerturm
Auszug von Peter Suska-Zerbes
18.07.2008, 05.23 Uhr
Es ist keine Frage von Recht oder Unrecht.
Es ist die Aufgabe eines Kriegers. Und die muss erfüllt werden.
So einfach ist das.
Was geschehen muss, wird geschehen.
Nicht mehr, nicht weniger.
Die schattenhafte Gestalt sitzt seit Mitternacht, mit einigen kurzen Unterbrechungen, allein und unbeweglich auf der überdachten Plattform des Römerturms, Relikt einer achthundert Jahre alten Burg. Die mächtigen Bergketten der Alpen, weit im Hintergrund, kann sie an diesem Morgen nicht sehen. Sie sind dennoch da, wie dieses andere da ist, weshalb die Person hierher gekommen ist.
Im Tal weit unterhalb des Turmes breitet sich Kaufbeuren aus, dessen schlaftrunkenes Erwachen durch Bäume und Hügel verdeckt bleibt.
Dort wird es sich ereignen.
Heute Nacht.
Dann findet in der Innenstadt von Kaufbeuren das Lagerleben statt. Das mittelalterliche Fest passt gut zu dem Plan.
Sicher ist: Sie werden da sein, werden an die Blasiuskirche kommen, heute, eine Stunde vor Mitternacht, um dann im Rausche des Festes ...
Die Gewissheit, dass es geschehen muss, füllt wie das langsame Ein und Aus des Atems den ganzen Körper dieses Menschen. Es ist ein unveränderliches Gebot, fest wie der Wechsel von Tag und Nacht, wie Werden und Vergehen.
Seit Stunden wartet die Person geduldig auf diesen Moment des Sonnenaufgangs, auf diesen Moment, wenn die Energie hier am stärksten fließt. Seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden ist sie da.
Die Kraft.
Auch sie ist eine Gewissheit. Eine formlose Macht, deren Wirkung der Kundige für sich nutzen kann.
Gekleidet in ein mittelalterliches Jägergewand, verharrt sie in Regungslosigkeit, wartet, wartet auf diese Kraft.
Sie ist nicht krank.
Gewiss nicht!
Viele werden es dennoch behaupten.
Weil die Menschen nicht verstehen.
Die Tat hat ihren tieferen Sinn. Es gibt keine Zufälle. Alles ist mit allem verbunden. Viele Wurzeln reichen Jahre, ein Jahrzehnt zurück.
Die Tat: Alles ist geplant, alles vorbereitet. Seit Langem.
Einmal in Gang gesetzt, ist es wie eine gewaltige Lawine.
Nicht aufzuhalten...
Auszug von Günter Dankesreiter
16.01.2008, 11.34 Uhr
Die Bundestagsabgeordnete Frau Katharina Maria von Waldheim steht bereits seit zwanzig Minuten am Rednerpult des deutschen Bundestags. Sie erschien oft auf der Rednerliste, da sie keine Gelegenheit ausließ, auf sich aufmerksam zu machen.
Sie kommt zur Erleichterung aller Parlamentarier langsam zu einem Ende: „Und ich sage das in aller Deutlichkeit in diesem Hohen Haus, meine Damen und Herren. Wir dürfen uns nicht hinstellen, den Finger heben und meinen, damit hätten wir bereits eine Lösung herbeigeführt. Ich möchte Taten sehen, jawohl, Taten, Frau Justizministerin. ... Der Jugendliche muss erkennen:
Verbrechen lohnt sich ... in diesem ... Lande ... nicht! Ich danke Ihnen.“
Ein kurzes Klatschen von der einen Seite, Kopfschütteln von der anderen.
„Das Wort hatte die Abgeordnete Katharina Maria von Waldheim“, sagte die Parlamentspräsidentin ruhig ins Mikrofon und unterbrach die Sitzung für die Mittagspause.
Die wenigen Abgeordneten, die im Plenarsaal zugehört hatten, verließen ihre Plätze. Frau von Waldheim packte ihr Redemanuskript in die elegante Aktentasche und wollte ebenfalls den Saal verlassen, als die Justizministerin sie ansprach:
„Sag mal Katharina, wieso attackierst du mich? Du weißt genau, dass wir im Kabinett diese Maßnahmen abgestimmt haben – und zwar ganz in deinem Sinn. Ich habe das Gefühl, du wolltest wieder in der Tagesschau erscheinen. Es geht wieder um deine Karriere, stimmt´s?“
Frau von Waldheim lächelte und meinte schnippisch „Sei froh, dass ich an meiner Karriere arbeite.“ Sie beugte sich etwas vor, raunte der Ministerin zu: „Sonst hätte ich dich bei der Bundeskanzlerin nicht so eindringlich empfehlen können, meine Liebe. Schon vergessen?“ Dann fragte sie im kollegialen Ton:
„Treffen wir uns wieder nach zehn bei ´Mario´? Der neue Prosecco soll exquisit sein. Du bist natürlich eingeladen. Komm schon!“
Das Handy von Frau von Waldheim meldete sich. „Entschuldige, ich muss ... Also dann, bis heute Abend! Ich freu mich! Tschüssi!“
Sie winkte der Ministerin kurz zu, trat zur Seite an eines der großen Fenster. Das schneebedeckte Berlin lag zu ihren Füßen.
„Ja, hallo?“
Ihre Augen zogen sich zusammen. Sie kaute an ihrer Lippe. Nervös verlagerte sie ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
„Sie sollten mich doch nicht ... dafür haben wir die geschützte Internetverbindung ... Was? ... Unvorhergesehener Zwischenfall?
... Ja, ja, habe schon verstanden ... Wo sind Sie jetzt?“
Frau von Waldheim sah sich verstohlen um, ob jemand das
Gespräch mithören konnte. Niemand!
„Verdammt noch mal, wofür zahle ich Sie eigentlich?“, legte sie los. „Soll ich etwa selbst ...? Ja natürlich werden Sie das ausbügeln! Und wehe, mein Name kommt damit in Verbindung. Ich warne Sie! ...

St.-Martin-Kirche
Auszug von Lilo Menke
03.03.2008, 07.28 Uhr
„So ein Mist!“
Wibke Hansen trat wütend mit dem Fuß von innen gegen das geschlossene Tor der Tiefgarage, die zu ihrer Wohnung in der Gerberturmpassage gehörte.
„Jetzt rührt sich dieses verdammte Garagentor nicht von der Stelle. Dass bei mir immer alles schieflaufen muss ... Und jetzt?“
Auf keinen Fall durfte sie zu spät kommen. In einer halben Stunde musste sie an ihrem neuen Arbeitsplatz beim Busunternehmen Waldheim-Reisen anfangen. Was würde das für einen Eindruck hinterlassen, wenn sie gleich am ersten Tag zu spät kam? Möglicherweise bräuchte sie gar nicht erst anzufangen. Und das nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit.
Aufgebracht fuhr sie ihr Auto zurück in die Parkbox. Als sie ihre Sachen aus dem Kofferraum holen wollte, ging das Licht aus. Stockdunkel war es mit einem Mal um sie herum.
„Das auch noch!“
Es gab Tage, da blieb man am besten im Bett. Den beruflichen Neuanfang hatte sie sich ganz anders vorgestellt.
Wibke tastete sich zum nächsten Lichtschalter, stieß mit dem Knie gegen einen Pfeiler. Der stechende Schmerz ließ sie aufschreien.
Danach wurde ihr erst die Stille um sie herum bewusst.
Unheimlich.
Beklemmung stieg in ihr auf. Für einen Moment horchte sie, versuchte die Dunkelheit mit den Augen zu durchdringen.
Grrrrrrrrr!
Sie fuhr zusammen, konnte ihr Herz hart hämmern hören.
„Ist da wer?“
Nichts als eine beunruhigende Stille.
Sie lauschte in die Dunkelheit.
Schlug da nicht die Tür zum Nebeneingang zu? Sie wirbelte herum.
Beim Hereinkommen hatte sie niemand gesehen.
Aber da war doch irgendwer!
Wibkes Hände und Beine zitterten. Einen Film von kaltem Schweiß spürte sie auf ihrem Gesicht und auf ihrem Rücken. Tief sog sie den Atem ein, gab sich einen Ruck, tastete dann mit neuer Entschlossenheit an dem Pfeiler entlang, bis sie nach einer Unendlichkeit den Lichtschalter fand.
Die Tiefgarage wurde überschwemmt mit kaltem Licht.
Wibke schaute sich unsicher um. „Hallo? Hallo?“ Da war niemand. Sie machte sich nur lächerlich. Das Ganze war sicher wieder einmal nur Einbildung gewesen.
´Wer soll am frühen Morgen auch hier sein?´
Sie kramte eilig Handtasche und Aktenkoffer aus dem Auto und rannte zum Plärrer, dem Busbahnhof in Kaufbeuren. Dort gab es einen Taxistand.
Knappe drei Minuten später warf sie sich völlig außer Atem
auf den Rücksitz eines Taxis: „Moosmangwiese, schnell bitte!“,
rief Wibke dem Fahrer aufgeregt zu.
Sie warf einen Blick aus dem Fenster, als das Taxi losfuhr.
War da nicht gerade ihr Sohn vorbeigefahren?

Auf dem Lagerleben
Auszug von Olivia Borchert
15.06.2008, 07.47 Uhr
„Anna!“, schrie Beatrice Berger.
Schweißgebadet schreckte sie hoch.
Wie in den Nächten zuvor hatte Beatrice wenig geschlafen. Simon nahm sie in den Arm und drückte sie an sich.
„Alles vorbei, du hast nur geträumt“, flüsterte er.
Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. „Anna“, mehr brachte sie nicht heraus.
„War es wieder einer deiner furchtbaren Albträume?“
Beatrice nickte zaghaft. In sich gekehrt antwortete sie:
„Ja ..., schrecklich. Immer wieder schrie Anna: „Mama hilf mir!“
„Komm lass uns frühstücken! Das bringt dich auf andere Gedanken.“
Durch die halb geöffneten Lider sah Beatrice, wie Simon bereits unternehmungslustig in seine Hose schlüpfte, während sie keine Lust verspürte aufzustehen. Am liebsten hätte sie sich die Bettdecke über den Kopf gezogen und die Zeit zurückgedreht.
´Noch vor ein paar Monaten war ich mit Simon so glücklich. Alles schien perfekt zu sein. Und nun beginnt unsere Beziehung unter meinem schlechten Gewissen Anna gegenüber zu leiden. Habe ich als Mutter versagt, weil ich mich zu wenig um mein Kind kümmerte und mich nur Simon hingab?´
Tränen bahnten sich wie ein Rinnsal einen Weg über ihr müdes Gesicht.
Mühsam raffte sie sich hoch und wankte ins Bad. Ein kurzer Blick in den Spiegel ließ die Spuren der letzten Zeit erkennen. Sie wischte sich die Tränen aus ihrem fahlen Gesicht. Ihre Gedanken waren bei Anna.
´Sie ist so dünn geworden, dabei war sie immer stolz auf ihre Figur. Und so still, so verschlossen.
Es macht mir richtig Angst. Sie hat doch früher immer alles mit mir beredet. Warum tut sie das jetzt nicht mehr? Ist es wegen Simon?´
„Wie lange brauchst du noch? Beeil dich! Ich habe Hunger.“
Simons genervte Stimme ließ sie hochschrecken. Beatrice musste sich zusammenreißen.
„Bin gleich da!“
Sie wischte sich vor dem Badezimmerspiegel noch einmal ihre Tränen ab und versuchte, ihrem Gesicht mit Make-up Leben einzuhauchen. ´Alles vergeblich heute.´ Ärgerlich warf sie den Lippenstift auf die Ablage, schlurfte zu Simon hinüber in die Küche.
„Es wird schon werden“, meinte er.
Obwohl er es vielleicht gut meinte, hasste sie diese Art von ihm, so abgedroschen zu reden.
„Findest du nicht, dass du es dir zu einfach machst?“, entgegnete sie aufbrausend. Sie konnte nicht mehr klar denken, zu stark waren die Vorwürfe, die sie sich selbst immer wieder machte. Erneut kamen Tränen.
„Freitag fahre ich nach Kempten, da haben die in der Krankenpflegeschule Sprechtag. Ich werde mich dort umhören“, verkündete sie plötzlich.
Die Bestimmtheit ihrer Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Dabei starrte sie in ihre leere Kaffeetasse, als könnte sie aus dem Boden die Zukunft lesen. Viel Gutes schien sie ihr nicht zu verheißen...